Böses Buch?

06. Mai. 2014 / 17:44

Eine Neuerscheinung, die zweifelsfrei für viel Aufregung sorgen wird. Die erfolgreiche Journalistin und Politikwissenschaftlerin Marion Kraske berichtet in ihrem Buch „Ach Austria! Verrücktes Alpenland“ über ihre politischen Eindrücke aus dem schönen Österreich.

Näheres erzählt die Autorin und ehemalige SPIEGEL-Österreich-Korrespondentin im „EINSPRUCH“-Interview.

von Birol Kilic


Einspruch: Warum haben Sie so ein böses Buch über unser schönes Österreich geschrieben? Sind Sie ein böser Mensch?

Kraske: Immer mal wieder (lacht). Aber mal im Ernst: Zuallererst bin ich Journalistin und Politikwissenschaftlerin. Und ich finde nicht, dass „Ach Austria“ ein böses Buch ist. Im Gegenteil: Ich beschreibe, dass das Land eine wunderbare Seite hat, die schöne Landschaft, die Berge, immergrüne Täler, dazu das schier unglaubliche Kulturangebot. Österreich wird zu Recht weltweit als Kulturland geschätzt und geliebt. Es gibt aber eben auch eine zweite Seite, die erst zutage tritt, wenn man sich mit dem Land intensiver befasst. Wenn man den Alltag erlebt, die Politik unter die Lupe nimmt. Diese zweite Seite ist weniger schmeichelhaft.

Einspruch: Wen sehen Sie als Ihre Zielgruppe an?

Kraske: Alle politisch Interessierten.

Einspruch: Sie werden Ihr Buch dieser Tage bei einer Podiumsdiskussion präsentieren. Welche Reaktionen erwarten Sie?

Kraske: Es würde mich freuen, wenn ich einen Beitrag zur allgemeinen Debatte über die politische Kultur im Land und den Politikbetrieb im Besonderen leisten kann. Im Rahmen meiner Recherchen habe ich mit zahlreichen Experten, Wissenschaftlern und Publizisten gesprochen. Im Buch werden sie und ihre Erkenntnisse gewürdigt. Das Problem ist, dass sie normalerweise viel zu wenig Gehör finden.

Einspruch: Worin unterscheidet sich Ihr Buch von anderen politischen Büchern?

Kraske: Geschrieben ist es aus der Sicht einer „Zugereisten“, der bestimmte verzerrte, bereits als normal geltende Mechanismen merkwürdig erscheinen. Ein Beispiel: Ein Martin Graf etwa hätte aufgrund seiner zweifelhaften Gesinnung nie zum Dritten Nationalratspräsidenten gewählt werden dürfen. Gewählt wurde er aus parteitaktischen Überlegungen dennoch, zum Nachteil der politischen Hygiene im Land. In diesem Sinne erklärt sich auch der Subtitel meines Buches: „Eine Reise zu Österreichs Merkwürdigkeiten“.

Aufgeweichte Demokratie

Einspruch: Wieso ist es der Titel „Verrücktes Alpenland“ geworden?

Kraske: Das Ganze ist ein Wortspiel, das sich erschließt, wenn man die zehn Kapitel gelesen hat. Mir ging es im Wesentlichen darum, zu beschreiben, dass in Österreich, insbesondere auf politischer Ebene, die Maßstäbe im wahrsten Sinne des Wortes verrückt werden. Das beste Beispiel hierfür ist der anhaltende Konflikt um die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten. Die slowenische Minderheit hat laut Staatsvertrag ein Recht auf diese Zweisprachigkeit. Würde alles mit rechten Dingen zugehen, wäre der Fall längst gelöst. Doch weit gefehlt: Das entsprechende Kapitel ist seit mehr als 50 Jahren nicht umgesetzt. Statt die verfassungsmäßig verbrieften Minderheitenrechte zu schützen, gehen Landespolitiker hin, verrücken Ortstafeln und führen damit den Rechtsstaat ad absurdum. Das Ganze erinnert an depperte Schildbürgerstreiche, mit einem Unterschied: Hier werden die Schildbürgerstreiche auf höchster Ebene vollzogen. Und sie sind alles andere als komisch, weil so der Minderheitenschutz und damit ein wesentlicher Bestandteil des Rechtsstaates einfach eliminiert wird. Und seit Jahrzehnten findet sich keiner, der dem absurden Spuk ein Ende bereitet.  Beispiele für derartige Merkwürdigkeiten und Skurrilitäten finden sich en masse. Die EU etwa gilt in Österreich weitläufig als Sündenbock. Europa muss herhalten für so manchen verbalen Angriff, sei es innerhalb der Bevölkerung, sei es auf politischer und medialer Ebene: Mal wird es als Hort windiger Bürokraten dargestellt, mal als Inbegriff ungezügelter Zuwanderung oder als Synonym für den Import ausländischer Kriminalität. Paradoxerweise aber ist es gerade Österreich, das durch EU-Mitgliedschaft und Osterweiterung im Vergleich am meisten profitiert hat und einen Teil seines Wohlstandes eben diesem ach so ungeliebten Europa verdankt. Das aber wird überhaupt nicht kommuniziert.

Einspruch: Sie haben ein ganzes Kapitel der „Kronen Zeitung“ gewidmet. Ist Ihre Kritik an der „Kronen Zeitung“ nicht übertrieben? Es gibt ja auch andere Zeitungen in Österreich. Was sagen Sie zu denen?

Kraske: Die „Kronen Zeitung“ verfügt über eine Marktmacht, die ihresgleichen sucht. Sie erreichte 2008 fast 42% der österreichischen Bevölkerung. Damit bestimmt der ressentimentgeladene und hetzende Boulevard zu einem großen Teil die öffentliche Meinung, er prägt die politische und gesellschaftliche Atmosphäre maßgeblich mit. „Profil“, „der Standard“, „die Presse“ haben eine exzellente Berichterstattung, die beiden Zeitungen aber kommen beispielsweise auf eine Reichweite von weniger als zehn Prozent. Ein wirklich auflagenstarkes Gegengewicht, eine liberale, aufklärerische Gegenstimme zur „Krone“ sucht man vergeblich im Land. Und so kann die Dichand-Postille ihre anti-aufklärerische, anti-modernistische Gesinnung massenwirksam unter die Leute bringen. Die Abwehrhaltung gegenüber der EU, gegenüber allem Fremden, anti-liberale Tendenzen – all das hat sehr viel mit der „Kronen Zeitung“ und ihrer unangefochtenen Machtstellung zu tun.

Einspruch: Sie haben ja gerade die Abwehrhaltung Österreichs gegenüber der EU angesprochen und auch in Ihrem Buch darüber geschrieben. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Kraske: Es ist ein Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren. Nach dem EU-Beitritt hat es die politische Elite versäumt, der Bevölkerung deutlich zu machen, was Europa überhaupt ist, welche Leitideen dahinter stecken. Man begnügte sich mit dem wirtschaftlichen Aspekt der Mitgliedschaft. Das wirkt immer noch nach: Österreich ist in Europa nicht richtig angekommen. Medial wird die Abwehrhaltung vor allem durch den fortgesetzten Anti-EU-Propagandafeldzug der „Kronen Zeitung“ geschürt, dem sich leider auch die führenden Parteien unterordnen. Der unglaublich peinliche Leserbrief der Herren Gusenbauer und Faymann an Krone-Herausgeber Hans Dichand im vergangenen Jahr hat nachdrücklich gezeigt, wie hierzulande Europapolitik gemacht wird.

Europa als Feind

Einspruch: In Ihrem Buch heißt es: „Europa ist für viele eine weit entfernte, unbekannte Galaxie, in der andere Völker beheimatet sein mögen, nicht aber man selbst. Österreich ante portas.“ Was meinen Sie damit?

Kraske: Der zurückliegende Europawahl-kampf hat es anschaulich vor Augen geführt: Selbst die Spitzenkandidaten treten bisweilen nicht als überzeugte Europäer auf, sondern ziehen immer wieder die nationale Karte. Europa wird als gefährlicher Feind dargestellt, gegen den man sich zur Wehr setzen muss. Da darf es nicht verwundern, dass man in der Bevölkerung eine grenzüberschreitende, europäische Gesinnung vergeblich sucht. Die eigene Identität endet häufig an den Landesgrenzen, eine jüngst veröffentliche Wertestudie belegt das. Während Europa vor 20 Jahren eine jahrzehntelange Enge aufbrechen konnte, weil der Eiserne Vorhang fiel, hat sich in Österreich der Blick verengt, noch stärker nach innen gerichtet. Der renommierte Historiker Oliver Rathkolb etwa attestiert seinen Landsleuten in diesem Zusammenhang eine „Verschweizerung in den Grundmentalitäten“.

Einspruch: Welche Konsequenzen hat das Verhalten, das Sie aufgezeigt haben?
Kraske: Besonders deutlich lässt sich das am Umgang mit Fremden ablesen. Mit Ausnahme von geldbringenden Touristen, die liebenswürdig empfangen werden, aber auch umso lieber wieder abreisen dürfen, werden Fremde mit allergrößter Skepsis bedacht, sie werden ausgegrenzt, abgewehrt, egal, ob sie im Land leben und arbeiten oder nicht. Ich beschreibe in meinem Buch kleine Anekdoten, die zeigen, dass es sich selbst in Wien, immerhin Sitz zahlreicher internationaler Organisationen, offenbar noch nicht herumgesprochen hat, dass man auch als Deutscher hier zu Hause sein kann. Ein gemeinsames Europa macht es möglich - für viele ist aber gerade das ein Ding der Unmöglichkeit. Erneut kommt hier ein Versagen der Politik zum Ausdruck: Zuwanderung wird ausschließlich negativ diskutiert, das österreichische Fremdenrecht gilt als das restriktivste in ganz Europa. Kürzlich erst verständigte sich die Koalition auf weitere Verschärfungen. Mit dieser Politik der fortgesetzten Abschottung aber schadet sich das Land selbst. Wirtschaftsexperten sagen voraus, dass in einigen Jahren Hunderttausende Facharbeiter fehlen werden. Und auch die Universitäten beklagen, dass man mit derart restriktiven Bestimmungen den Wettkampf um die besten Köpfe nicht führen kann.

Einspruch: Sie schildern die fremdenfeindlichen Anwandlungen. Viele beschweren sich auf der anderen Seite über die integrationsunwilligen Einwanderer. Wie empfinden Sie die Einstellung der Einwanderer gegenüber Österreich?

Kraske: Zuwanderung ist immer eine zweiseitige Medaille. Es gibt unbestreitbar Gruppen, die sich mit der Integration schwer tun, etwa Einwanderer aus der Türkei. Das Phänomen haben wir in Deutschland auch, etwa in Berlin. In Wien ist das unter anderem in Ottakring zu beobachten. In beiden Städten existieren regelrechte Parallel-Gesellschaften, die niemand wollen kann. Es muss klar sein, dass Zuwanderung immer ein Geben und ein Nehmen ist. Wer nach Jahrzehnten noch immer nicht in der Lage ist, einfachste Dinge des Alltags auf Deutsch zu erledigen, darf sich nicht darüber wundern, dass es Leute gibt, die Zuwanderung auch als Bedrohung empfinden.

Einspruch: Woher kommt es, dass diese Gruppen sich schwerer tun bei der Integration?

Kraske: Ich habe selber einen guten Freund in Köln, der Türke ist. Seine Eltern kamen in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland, Onkel und Tanten ebenfalls. Auch nach Jahrzehnten konnten die Frauen noch immer nicht richtig Deutsch. Man lebte im eigenen Kosmos, ohne nennenswerten Kontakt nach außen. Die Mädchen wuchsen sehr behütet auf, fast abgeschottet. Das  ist kein Einzelfall. Vielfach kann man eine Art Schutzmechanismus erkennen: Man versucht seine Kultur aus der Heimat beizubehalten und zu bewahren, so gut es eben geht. In Ottakring sieht man sehr viele Frauen mit Kopftuch. In Istanbul dagegen kaum. Warum das so ist? Viele Einwanderer kommen aus ländlichen Gebieten und nicht aus den progressiven Metropolen. Dort aber hat die Moderne noch nicht Einzug gehalten, es dominiert die traditionelle Kultur. In ihrer neuen Heimat versuchen viele dann so weiter zu leben, wie sie es aus ihrem Dorf her kennen. Da sind natürlich Konflikte programmiert.

Einspruch: Wie sehen sie denn die Einstellung der Deutschen in Österreich gegenüber den Österreichern?

Kraske: Eine einheitliche Haltung der Deutschen gegenüber den Österreichern gibt es meines Erachtens nicht. Aber ich beobachte schon, dass auf beiden Seiten noch immer Vorurteile den Umgang miteinander erschweren : Der Ösi auf der einen Seite, der Piefke auf der anderen - das sind überaus lebendige Feindbilder, die in den Köpfen nach wie vor präsent sind. Und das obwohl wir ja eigentlich eine Sprache sprechen.

Einspruch: Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Unterschied im politischen Alltag zwischen Deutschland und Österreich?

Kraske: Das ist eindeutig der fahrlässige Umgang mit den Rechtsparteien. In Österreich offenbart sich ein eklatantes Versagen seitens SPÖ und ÖVP. Während in Deutschland die radikale Rechte ausgegrenzt wird, allen voran die NPD, übt man sich hierzulande aus wahltaktischen Überlegungen in unschöner Kungelei. Diese Appeasement-Politik führt dazu, dass die Rechtsausleger von BZÖ und FPÖ einen breiten Raum in der politisch-gesellschaftlichen Debatte einnehmen können. Statt die Schmuddelkinder auszugrenzen, werden sie – wie im Falle von Martin Graf – sogar in höchste Staatsämter gewählt. Langfristig führt das zu einer Entkernung der Demokratie, weil die Rechten ihre chauvinistische bis offen antisemitische Gesinnung immer weiter in die Gesellschaft tragen können. Die Folge: eine stete Vergiftung des politischen Klimas mit rechtsextremen Inhalten. Die österreichische Gesellschaft – und da sind wir wieder bei Ihrer anfangs gestellten Frage – wird auf diese Weise kontinuierlich nach Rechtsaußen verrückt.

Einspruch: Mit welchen Folgen?

Kraske: Die radikale Rechte übt den permanenten Tabubruch. Man denke nur an die unterirdische Entgleisung der FPÖ im letzten Wahlkampf „Abendland in Christenhand“. Mal wird gegen Ausländer gehetzt, mal gegen Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde, Migranten werden in unschöner Nazi-Diktion mit Tiermetaphern bedacht („Motten“), der Rechtsstaat (wie im Falle des Ortstafelstreits) mit Füßen getreten. Und wenn, wie im KZ-Ebensee, Holocaust-Opfer attackiert werden, verharmlost man dies als blöden Lausbubenstreich. Alles in allem werden so rechtsextreme Inhalte zur Leitidee des politischen Alltags, weil das politische Österreich nicht in der Lage bzw. nicht willens ist, eindeutige Grenzlinien zu ziehen und zu definieren, was eigentlich erlaubt ist in einer Demokratie und was nicht. Und so wird der demokratische Konsens durch zersetzende Inhalte immer weiter aufgeweicht.

Übertriebene Schwarzmalerei?

Einspruch: Malen Sie nicht ein wenig zu schwarz?

Kraske: Ganz und gar nicht. Dass bei der Nationalratswahl 2008 knapp 30 Prozent für rechtsradikale Parteien votierten, so wie es Ende der 90er-Jahre unter Jörg Haider schon einmal war, ist ein Beleg dafür, dass sich die hetzende Rechte als potente Kraft im österreichischen Politzirkus etabliert hat. Und wenn die einstigen Großparteien, die ja bei den letzten Wahlen erheblich Federn lassen mussten, nicht aufpassen und ihren Kuschelkurs nicht aufgeben, ist wohl irgendwann auch ein Kanzler Strache nicht mehr ausgeschlossen.

Einspruch: Also doch eine böse Bilanz?

Kraske: Böse? Nein, aber womöglich eine unbequeme Bilanz. Aber das ist nun mal die Aufgabe von Journalisten: unbequem zu sein. Mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist das neue Buch von Marion Kraske für gelernte Österreicher und all jene, die es noch werden wollen. Die verschiedenen Funken Wahrheit darin darf jeder für sich selbst finden.



Über die Autorin:

Marion Kraske, geboren 1969 in Iserlohn/Deutschland, studierte Politikwissenschaften, Wirtschaftspolitik und Slawistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie war bei der „Deutschen Presseagentur“, der „ARD-Tagesschau“ und „Spiegel-Online“ tätig und bis 2009 als Auslandskorrespondentin des Magazins „Der Spiegel“ zuständig für Österreich und Südosteuropa.

Publikationen:

• Ach Austria! Verrücktes Alpenland, herausgegeben vom Molden Verlag in der Verlagsgruppe Styria GmBH & Co KG.

• Das Angela-Alice-Dilemma in: „Herrschaftszeiten“, herausgegeben vom Dumont-Buchverlag


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27/06/2017