Berlin: Theologie des Verachtens durch verfälschte Hadithe

23. Februar. 2015 / 14:28

Ein aktuelles Beispiel aus Deutschland. Frauenfeindliche Predigt im Februar 2015. Tempelhofer Imam verteidigt Hetz-Prediger durch verfälschte Hadithe. Berliner Muslime reagieren empört. Die deutsche Presse berichtet, ohne aufzuklären. Und das Magazin FOCUS hetzt wie üblich schön weiter, sogar über Facebook mit der Frage „Bitte WAS?!“. Damit sind viele „Likes“ und über 1.000 „gerechte“ Kommentare, die pauschalisierend gegen Muslime schimpfen, garantiert. Der klerikal-faschistische Hetz-Prediger hat sein Ziel erreicht. Ehrlich gesagt, ich würde als Wiener Türke auch schimpfen, wenn ich ohne mein Vorwissen so einen Bericht lese. Aber zugegeben, dieser Bericht hat mich als überzeugten säkularen Muslim trotzdem, mit Verlaub, „zum Kotzen“ gebracht.

Eine Analyse von Birol Kilic

Anfang Februar 2015 sorgte ein frauenfeindlicher Hetzprediger einer Moschee in Berlin-Neukölln für Aufsehen und Empörung unter  den ausländischen Muslimen und vor allem unter Deutschen. Der Hetzprediger behauptete, eine Frau müsse sich ihrem Ehemann unterwerfen, ihm stets zu Willen sein – auch während der Menstruation. Angeblich sollte, so der Imam, das Fremdgehen des Mannes damit verhindert werden.

Wo beginnt die Theologie des Verachtens?

„Wenn ein Mann seine Frau ins Bett ruft und sie sich verweigert und einschläft – dann verfluchen sie die Engel“, hatte Abdel Moez al-Eila, ein Gastprediger aus Ägypten, am 23. Januar anlässlich des Freitagsgebets auf Arabisch an die Gemeinde verlautbart; „Was der Imam gesagt habe, entspreche den überlieferten Aussprüchen Mohammeds (Hadithen) und sei für Muslime auch heute gültig“, sagt der Moschee-Vorstand „Welt“.

Der ägyptische Imam* begründete seine kruden Thesen mit mündlichen Überlieferungen (Hadithen) des Propheten Mohammed. Und hier beginnt die Theologie des Verachtens, die Theologie der Gewalt bis zur Theologie des Faschismus, die wir stark kritisieren und von der wir uns als Moslems mit Nachdruck distanzieren müssen. Der Prophet Mohammed hat derartige Aussagen nie getätigt. Diese Aussagen (Hadithen) sind die Produktionen einer faschistischen Fabrik der nahöstlichen, traditionellen Kultur, die eigentlich durch den Koran und vom Propheten Mohammed beseitigt wurden. Berliner Muslime reagierten empört. Sie sahen ihre Religion von dem Hetzprediger in den Schmutz gezogen und sie haben damit auch Recht. Aber diese Muslime wissen nicht, wie sie auf solche Hetz-Prediger reagieren sollen, weil ihnen zumeist das nötige Wissen dazu fehlt und sie damit auch erst gar nichts zu tun haben wollen. Sie haben damit aber Unrecht, denn es betrifft sie dennoch und wird sie doch irgendwann einholen.

Bitte nicht lachen, aber beim darauffolgenden Freitags-Gebet verteidigte ein anderer Hetzprediger, diesmal von einer Moschee in Berlin-Tempelhof, den Ersten mit der folgenden, haarsträubenden Argumentation: „Fordern die Medien von uns, ein Hadith unseres geliebten Propheten abzulehnen?“ Und weiter: „Es muss erlaubt sein, zu sagen, dass eine Frau den Wünschen ihres Mannes folgen muss, wenn er sie ins Bett ruft.“ „Diese Kritik ist ein Angriff auf die Menschlichkeit dieses Hadiths, eine Unverschämtheit!  Der Tempelhof-Imam wetterte außerdem gegen „scheinheilige“ Muslime, die den Hetz-Prediger (u.a. in der B.Z.) kritisiert und gesagt hatten, die Hetz-Predigt sei ein Angriff auf die Menschlichkeit gewesen. Das hieße ja, der Prophet Mohammed würde die Menschlichkeit angreifen“. Der zweite Hetz-Prediger verteidigt den ersten Hetzprediger laut Berliner Medien wortwörtlich so! Der erste und der zweite Hetz-Prediger beziehen sich auf Hadithe  die nicht stimmen, die Verleumdungen gegenüber dem Propheten darstellen und durch den Koran auch nicht unterstützt werden. Diese verleumderischen Lügen werden durch Hadith-Bücher in allen sunnitischen, teils auch in vielen schiitischen Schulen gelehrt und werden durch einen angeblichen „Islamischen Klerus“ und durch angebliche „Gotteshäuser“, genannt „Moscheen“, in den Westen exportiert. Dieser islamische „Klerus“ ist eigentlich nichts anderes als der verlängerte Arm eines politisierten Glaubens, der eigentlich kein Glaube, sondern eine Doktrin geworden ist , der unter dem Vorwand „Religionsfreiheit“ durch wirtschaftliche Tätigkeiten und politische Aktivitäten alle demokratischen Werte direkt oder indirekt missbraucht.


Es gibt im Islam keinen „Klerus“ oder „Priestertum“

Obwohl im Islam der Begriff „Gotteshaus“ wie im Christentum oder im Judentum nicht existiert und obwohl es im Islam keinen „Klerus“, also im Vergleich zum Christentum kein Priestertum gibt, versuchen diese politisierten Islam-Anhänger, den Verstand, die Vernunft und die Barmherzigkeit einer Religion, nämlich des koranischen Islams, mit solchen Hadithen in eine Theologie des Verachtens, der Gewalt und des Faschismus umzuwandeln und für politische Zwecke zu verfälschen, je nach Gebrauch, Ort und Zeit.


Dagegen müssen alle anständigen Europäer aufstehen! Europa hat durch die humanistische Aufklärung diese schmerzliche Tragödie bereits hinter sich gebracht. Wir müssen die Spreu vom Weizen trennen und dürfen den Anhängern des politisierten Islam keine Unterstützung bieten, da diese Geisteshaltung gegen die Werte der europäischen und internationalen Menschenrechte verstößt – auch nicht unter dem Vorwand des Dialogs, der Partizipation, der Solidarität, der Menschenrechte oder einer falsch verstandenen Toleranz.


Wer distanziert sich und erhebt seine Stimme?

In Österreich existiert das gleiche Problem wie in Deutschland. Diese Theologie des Verachtens, von Muslimen nicht skeptisch genug unter die Lupe genommen und jeden Tag weiterverbreitet, wird nicht kritisch hinterfragt. Sie ist nicht vom koranischen Islam beglaubigt, sondern lediglich durch (verfälschte) Hadithe, wie es der zweite Imam auch mit seiner Argumentationsschiene zugegeben hat. Es stimmt nicht, dass die Muslime in Österreich unter Generalverdacht stehen, ganz im Gegenteil: Die Muslime und besonders die sunnitischen Muslime, wie auch die schiitischen, müssen sich hier klar von dieser Theologie des Verachtens distanzieren.


Theologie: Gut oder Übel?


„Das größte Gut einer Religion liegt in ihrer Theologie, aber ihr größtes Übel kommt ebenfalls aus ihrer Theologie – wenn sie stagniert“, meint Soheib Bencheikh, der Ex-Großmufti von Marseille, der einen säkularen und laizistischen Islam vertritt. Das gilt für alle Religionen – auch für das Christentum, auch für das Judentum. Sie können sich nicht vorstellen, wie man dem Propheten Dinge in den Mund legen kann, die er nie gesagt hat und noch dazu einen „Klerus“ zu gründen, der gegen die Menschlichkeit ist, unter dem alle Menschen leiden. Diese Theologie des Verachtens und der Unterdrückung kennen wir auch aus der Geschichte des Christentums, ist aber heute im Wesentlichen überwunden.

 Infolgedessen müssen wir uns als Muslime, ohne gleich beleidigt zu sein, von dieser Theologie des Verachtens befreien, die sich durch verfälschte Hadithe, also durch entstellte und verzerrte Berichte über den Propheten Mohammed, belegt glaubt. Wir müssen den Weg der Vernunft, des Verstandes, der guten Taten, der Wissenschaft und des Humanismus gehen. Und natürlich durch Säkularisierung von fremden Traditionen und Bräuchen unsere wahre Religion verstehen und leben lernen. Jene wahre Religion und Lehre, wie sie durch den Propheten Mohammed verkündet und im Koran festgeschrieben wurde. Abzulehnen sind alle lügnerischen, menschenverachtenden manipulierten und mutierten Hadithe, die in Frankensteins Laboratorien hybridisiert und solchermaßen als Chimäre in die Welt hinaus exportiert wurden.

 

 

Die Westliche Welt sollte aufhören, hinterhältig die „Theologie des Verachtens“ zu unterstützen!

Die neoliberalen  Kräfte im Nahen Osten und in der Welt unterstützen eben diese Theologie des Verachtens, um ruhig weiter ihre Ziele verfolgen zu können und ihr eigenes Süppchen zu kochen. Diesbezüglich darf sich die westliche Welt auch einmal selbst im Spiegel betrachten und Selbstkritik üben! Die trügerische Zusammenarbeit mit den Despoten im Nahen Osten muss beendet werden, egal um welches Land es sich dabei handelt! Die Theologie des Verachtens darf nicht länger unterstützt werden! Kann es politische Zusammenarbeit mit dem Feind meines Freundes geben? Werden nicht gerade dadurch die iranischen und saudischen Probleme, die eigentlich ein konventionelles Problem sind, weiter angeheizt und quasi per Ölpipeline in den Westen importiert?


Auch die westliche Presse sollte ihren hinterhältigen Hass und ihre rassistischen Gefühle zügeln, nicht das Feuer der Vorurteile weiter schüren und uns ihr Schreibtischtätertum als Meinungsfreiheit verkaufen! Denn indem sie in ihren Kommentaren den gesamten Islam und alle Muslime pauschalisierend als den Teufel persönlich stigmatisiert, macht sie das Zusammenleben – besonders hier in Österreich, aber auch im ganzen EU-Raum – eigentlich unmöglich. Und dann treten die Pressevertreter plötzlich als Feuerlöscher auf, als nette Menschen – wie der Herr Fritzl aus Amstetten, der sich bis zum Fund in seinem Keller auch als netter Mensch verkauft hat. Hier muss man Einspruch erheben: Schluss damit!


Angst vor dem „Islam“ vollkommen berechtigt?

Zu unserer Selbstkritik als Muslime müssen wir sagen, dass die Angst vor dem Islam vollkommen berechtigt und nicht unbegründet ist, denn solche Hass-Prediger werden tatsächlich durch die westlichen Kräfte und durch den Nahen Osten als Wanderprediger unterstützt. Im Namen dieser Religion, also des Islams, werden die schrecklichsten Verbrechen begangen. Aber die Quelle dieser Theologie sind meistens die Hadithe, der traditionelle Islam und der politische Islam.

Der bereits oben zitierte Soheib Bencheikh sagt dazu: „Im Namen dieser Religion geschieht derzeit eine ungeheure Barbarei. Wenn die Menschen Angst vor dem Islam haben, so ist das völlig normal. Auch wenn ich kein Muslim wäre, würde ich mich fragen, was das für eine Religion ist, auf die sich Verbrecher berufen. Die Tiefe und die geistige Dimension des Koran wurden verschüttet. Stattdessen hat man millimetergenau nachgeäfft, was eine menschliche Person, nämlich der Prophet, getan haben soll. Man läuft Gefahr, den Islam auf dem Niveau der damaligen Beduinengesellschaft festzuschreiben und ihn für immer im sechsten Jahrhundert nach Christus festzunageln. Die himmlischen Heerscharen sind nur damit beschäftigt, Bekleidungs- und Nahrungsregeln zu erlassen – wie eine himmlische Hausordnung! Wahrhaftig eine platte, ausgetrocknete Vorstellung von der Religion! In der Welt der Moscheen herrscht oft noch die Dummheit, die Unwissenheit. Niemals ein Wort der Selbstkritik. Niemals! Die ganze Welt hat unrecht, und wir ruhen uns auf unserer kleinen Wahrheit aus. Das zeigt eine Denkfaulheit, wie sie typisch ist für das Ende großer Dynastien. Die Intelligenz der Muslime ist in Ketten gelegt. Es ist deswegen falsch zu behaupten, wer den Islam angreife, greife die Muslime an. Für den Islamforscher liegt die beste Möglichkeit zur Bekämpfung des Terrorismus darin, die religiösen Texte und archaischen Interpretationen und Diskurse anzugreifen, die immer noch Terrorismus hervorbringen und ihn rechtfertigen.“

Ich kann hier Soheib Bencheikh nur Recht geben. Wir Muslime müssen diese Theologie des Verachtens unter die Lupe nehmen und den wahren Islam aus dem Koran durch Verstand, Vernunft und wissenschaftliche Analyse zeitgemäß und ortsgemäß neu interpretieren! Sonst haben wir und werden wir immer ein Problem haben.

Mehr darüber:


Ja zum Islam! Nein zur Theologie des Verachtens!
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27/08/2016